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Liturgisches Nachtgebet Komplet, EG 786

Gesang: Jutta und Rainer Hahn

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Gebetskerzen (Foto: Nicola Fioravanti, Unsplash)

Wort zum Sonntag "Rogate", 17. Mai 2020

Jede Kerze ein Gebet

erschienen in: Bad Vilbeler Anzeiger, 13./14. Mai 2020

In den letzten Wochen sind wir mit dem Nachbestellen von Kerzen kaum hinterhergekommen. Das Bedürfnis, eine Kerze vor dem Altar anzuzünden, ist groß. Über 250 Kerzen sind es bisher, die Menschen alleine in unserer Kirche in Dortelweil angezündet haben. Und ich denke an die vielen Kerzen in den Wohnungen und an den Fenstern, die uns seit Beginn der Coronakrise begleiten.

Mich berührt der Gedanke, dass jede dieser Kerzen für ein Gebet steht. Hinter jeder Kerze steht ein Mensch, der sich öffnet und sein Anliegen Gott anvertraut: eine Bitte für einen lieben Angehörigen, ein Dankeschön für erfahrenes Gutes oder einfach ein Verweilen in Gottes Nähe. Jede Kerze ein Gebet. So ist in den letzten Wochen eine Gemeinschaft des Gebets entstanden.

Auch wenn es jetzt immer mehr Lockerungen gibt und Normalität langsam zurückkommt: Wünsche ich mir wirklich, dass es wieder wird wie vor der Krise? Haben wir nicht in uns die Kraft der Gemeinschaft gespürt, die uns erfinderisch und kreativ gemacht hat, neue Wege zueinander zu finden? Die Bedürftigkeit des anderen haben wir als unsere eigene Not erkannt und uns solidarisch umeinander gekümmert. Das ist die Kraft der Gemeinschaft – des Gebets! Halten wir diese Flamme lebendig und lassen wir sie noch heller lodern! Diese historische Ausnahmesituation zeigt uns, wie verloren wir sind und unsere Welt, wenn jeder „sein eigenes Ding macht“. Menschsein bedeutet aufeinander angewiesen sein, sich füreinander zu öffnen. Egoisten richten die Welt (und sich selbst) zugrunde. Beterinnen und Beter bauen sie auf, suchen durch Gottes Kraft den Frieden, das Gemeinsame, das Verbindende.

Beten ist nicht etwas Äußerliches, aber wir brauchen Formen, um unsere Sehnsucht, unsere Bedürftigkeit nach Gottes Nähe und Liebe ausdrücken zu können. Wie das Anzünden einer Kerze bereits das Eintreten in das Gespräch mit Gott sein kann. Dazu sind wir eingeladen: im Dialog zu leben. Wenn ich Du sage und wirklich Du meine, dann findet eine wirkliche Begegnung statt, die beide verändert. Die wirkliche Begegnung ist die Kraftquelle, die das Potential zur Veränderung der Welt in sich trägt, zu einem Leben in Gemeinschaft mit Gott und den Menschen.  

Vor einigen Tagen sagte eine Frau beim Verlassen der Kirche: „Ach, wenn ich doch nur beten könnte…“ Da wollte ich ihr antworten: „Ihre Sehnsucht nach Gott ist ja schon Gebet. Auch in der Bibel kommt unsere Gebetsnot zur Sprache.
Und da sagt Paulus: Wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist Gottes selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.“ (Römer 8, 26)

In dieser Zuversicht grüßt Sie herzlich zum Sonntag des Gebets (Rogate),

Pfarrer Johannes Misterek

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