Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 21. November 2019

Wort zum Sonntag, 24. November 2019 – Ewigkeitssonntag

 

Der Trauer Raum geben

In diesen Tagen, in denen die Bäume kahl und die Tage kürzer werden, denken viele Menschen besonders an ihre Lieben, die sie verabschieden mussten. Sie beweinen die, die sie lieben. Wer sammelt alle diese Tränen, wer trocknet sie? „Und jetzt? Trauer mit mir!“, formuliert die aktuelle Impulspost der Landeskirche. Unübersehbar viele Tränen gibt es in der Welt. Manche reden einfach drauf los, als wollten sie mit einem Wasserfall an Worten, auch an frommen Worten, alles Leid wegspülen. Ich denke an die Freunde von Hiob. Ihn, den treuen Gottesmann, trifft ein harter Schicksalsschlag. Seine Freunde kommen und halten sieben Tage stillschweigend bei ihrem Freund aus – ohne eine Wort zu sagen. Doch als sie dann anfangen zu reden, da werden sie seiner Trauer einfach nicht gerecht. Trösten hat nämlich wenig mit Wortenzu tun, das merke ich immer wieder.

Wenn wir jemandem zuhören, geben wir seiner/ihrer Trauer einen Raum, eine Daseinsberechtigung. Wir eröffnen die Möglichkeit zu erzählen, Erinnerungen zu teilen, all des Schönen und Guten zu gedenken, das auf ewig bleiben und mit dem geliebten Menschen verbinden wird. Auch trübe Gedanken einmal ausgesprochen können ihre zerstörerische Sogwirkung verlieren. Auf diese Weise entsteht allmählich ein neuer Raum, in dem sich die Trauer ausdrücken, aussprechen, einrichten darf. Denn sie ist doch da. Und sie hat ihr eigenes Recht. Wer trauert, weint Tränen der Liebe.

Wo wir zulassen, dass ein Mensch sich aussprechen, ausweinen darf – im Gespräch mit einer Freundin, im Miteinander in der Familie, auf dem Arbeitsplatz, in unseren Kirchen, in den Krankenhäusern – da nehmen wir teil an Gottes Mit-Leidenschaft für jedes einzelne seiner Menschenkinder. Alle unsere Versuche, einander beizustehen, haben ihre Quelle in Gott, der uns Raum eröffnet, Ruheraum, Atemraum, Luftholraum.

Gott ist gegenwärtig, wo wir der Trauer Raum geben. Das Kreuz Jesu Christi lädt uns wie nichts anderes in der Welt dazu ein, darauf zu vertrauen, dass keine Träne auf dieser Welt geweint wird, ohne dass Gott selber mitweint. So glaube ich, dass sich jede unserer Tränen auf Gottes Angesicht wiederfindet. Und das Gott am Jüngsten Tag die Tränen trocknen wird – die auf dem Gesicht seiner Kinder und seine eigenen.

Einen gesegneten Toten- und Ewigkeitssonntag wünscht

Ihr Pfarrer Johannes Misterek

 

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