Wort zum Sonntag, 25. August 2019

Vertrauen im Fluss des Lebens

Seit meiner Kindheit faszinieren mich Bäche und Flüsse. Wenn ich Zeit habe, dann setze ich mich an das Ufer und schaue zu wie das Wasser dahinplätschert. Im Urlaub waren wir auf einer österreichischen Alm. Dort hatte ich lange Zeit einen Bach zu beobachten. Er entspringt weit oben in den Bergen und sucht sich dann seinen Weg in das Tal. Dabei durchquert er Wiesen, stürzt steile Berghänge hinunter und wäscht seinen Weg immer tiefer in das Felsgestein. Das beständige Fließen des Wassers hat eine Botschaft für mich. Wie oft möchte ich meinen Weg mit Hau-Ruck-Aktionen beeinflussen. Dabei wäre es klüger, mich dem hintergründigen Strömen des Lebens anzuvertrauen. Wie oft möchte ich im Leben festhalten. Festhalten, was jetzt gerade ist. Aber alles fließt, das sagten schon die alten Griechen. Alles ist in den Fluss des Lebens eingebettet, der seinen Weg sucht und findet.

Das Leben ist ein Prozess, ein Weg. Manchmal weiß ich nicht, was hinter der nächsten Ecke kommt. Je mehr ich mir das bewusst mache, desto ruhiger werde ich – gerade wenn mir mal wieder das Wasser bis zum Hals steht. Als Christ glaube ich an den, der gesagt hat: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben (Johannesevangelium 14,6). Diesen Weg, den ich im Fluss des Lebens zu gehen habe, ist also schon einer vor mir gegangen. Und: Mit Jesus nahm es ein gutes Ende – er ist auferstanden. Am Weg Jesu lerne ich: Was immer ich erlebe, Gott geht diesen meinen Weg mit mir mit.

Das gilt nicht nur persönlich. Auch in Gesellschaft und Kirche erleben wir, dass Vieles im Fluss ist. Manche beunruhigt das, mich auch manchmal. Doch dann denke ich daran, wie die ersten Christen in Antiochien genannt wurden: „Die des Weges“. Wir sind nicht im Besitz der Wahrheit. Was wir anzubieten haben ist ein Weg. Das ist gewissermaßen das „Flussbett“ unseres Glaubens: Wir sind unterwegs – auf dem Weg der Liebe zu Gott und der Liebe zu allen Menschen. Und das alles beginnt im Herzen eines jeden einzelnen.

Alles fließt. Das spüren wir auch als evangelische (Kirchen-)Gemeinden in Bad Vilbel. Die Grenzen unserer Gemeinden sind flüssiger geworden. Wir begreifen unseren Weg als Christinnen und Christen in Bad Vilbel mehr und mehr als einen wirklichen gemeinsamen Weg. Am kommenden Sonntag wird Jürgen Seng in sein Amt als neuer Pfarrer auf dem Heilsberg eingeführt (15 Uhr, Heilig-Geist-Kirche). Wir freuen uns auf die kommende Weggemeinschaft! Vergangenen Sonntag ist Clemens Breest als Pastor der Freien evangelischen Gemeinde verabschiedet worden. Und an diesem Samstag wird Dirk Nising, der 17 Jahre als Gemeindepädagoge für die Kirchengemeinde Dortelweil tätig war, mit einem Festgottesdienst aus seinem Dienst verabschiedet (15 Uhr, Gemeindehaus ARCHE). Beiden danken wir herzlich für Ihren Dienst unter uns und wünschen ihnen für alle kommenden Wege das Vertrauen, dass Gott in Christus unsere Wege mitgeht.

Halten wir nicht fest, was wir nicht halten können. Überschätzen wir nicht unserer kleine Kraft im Fluss des Lebens. Lernen wir loslassendes Vertrauen, das beschenkt wird.  

Das wünscht
Ihr Pfarrer Johannes Misterek

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Offen für Gottes Geist

Immer wenn ein kleines Kind getauft wird, frage ich mich: Welche Lieder wird dieses Kind einmal singen, wenn es erwachsen ist? Wie wird sich die Welt in den nächsten Jahren verändern? Werden die Bemühungen um den Klimaschutz erfolgreich gewesen sein? Und was wird sich in unserer Kirche verändert haben? Bis 2060 werden die Kirchen etwa die Hälfte ihrer Mitglieder verloren haben, so die neusten Prognosen. Wird es dann die Kirchensteuer noch geben? In welcher Welt wird sich dieses kleine Kind einmal wiederfinden, wenn es erwachsen ist?

Vieles befindet sich im Wandel, in der Gesellschaft wie in der Kirche. Viele Zeitgenossen spüren das, nicht wenige sind beunruhigt und schauen mit Sorge in eine ungewisse Zukunft. Denn Veränderungen – zumal Unvorhersehbare – können Angst schüren. Sie stellen unsere Gewohnheiten in Frage, und die geben doch Sicherheit.

In den Kirchen spüren wir ganz besonders: Mit dem Modell, am Alten festzuhalten, kommen wir nicht weiter. Zu wenig geistlicher Nachwuchs, notwenige Kürzungsdebatten: Ohne Veränderungen kommen wir nicht in die Zukunft. Denn wer am Alten festhält, wird das Neue übersehen. Ich bin davon überzeugt, dass wir wirklich auf eine ganz neue Gestalt von Kirche zugehen. 

Diesen Glauben nehme ich aus der Pfingstgeschichte. So wie die Freunde Jesu auf das Kommen des Heiligen Geistes in Jerusalem warten, so erwarten wir ein neues Pfingsten. Ja, es ist schon im Gange. Denn Gott verwandelt seine Kirche. Er nimmt uns die alten Sicherheiten und öffnet uns für seinen neumachenden Geist heute. Gott schafft beständig neu, damit wir lebendig, solidarisch, zugewandt und Gott-offen bleiben.

Für Gottes neumachenden Geist wollen wir uns öffnen - auch bei uns in Bad Vilbel. Zum sechsten Mal laden alle christlichen Gemeinden der Stadt zu einem großen ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag (10.6.) am Römerbrunnen ein. Um 10 Uhr geht es los, mit alten und neuen Liedern, einer besonderen Aktion für Kinder und einer kurzweiligen Predigt für Erwachsene.

Trotz mancher Ungewissheiten gehen wir in eine gute Zukunft, denn wir sind nicht auf uns allein gestellt. Gottes Geist führt uns, persönlich wie in der Kirche. Halten wir uns offen für Gottes verbindenden Geist – nicht nur an Pfingsten!

Ihr Pfarrer Johannes Misterek
(Ev. Kirchengemeinde Dortelweil)

Wort zum Sonntag, 9. Juni 2019 (Pfingsten)

 

 

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