Wort zum Sonntag

25.11.2018 Ewigkeitssonntag

 Wenn die Seele weint

 Am Sonntag denken wir in unseren Gottesdiensten besonders an die Menschen, die im vergangenen Jahr verstorben sind. Was hilft, wenn die Seele weint und ich mich in der Dunkelheit nach einem Lichtstrahl sehne? Was kann ich einem Menschen in meiner Nachbarschaft oder im Freundeskreis sagen, der den Boden unter den Füßen verloren hat?

Die Zeit heilt alle Wunden, so wird gesagt. Oder: Sie hätte nicht gewollt, dass du jetzt traurig bist. Es muss weitergehen. Du musst jetzt stark sein. Versuch Dich abzulenken! Fahr in den Urlaub, versuch auf andere Gedanken zu kommen! Diese Worte, vielfach ausgesprochen, sind oft kein Trost. Sie erreichen eher das Gegenteil und rufen Widerstand hervor, der berechtigt ist. Denn Trauer darf sein. Sie hat ihr eigenes Recht und ihre eigene Würde. Wir sprechen vom Trauerjahr. Denn Trauern heißt: lieben. Wer trauert, bringt zum Ausdruck, wie sehr er sich nach dem anderen sehnt. Und dass der geliebte Mensch mir nicht mehr leibhaftig nahe sein kann. Das bringt die Seele zum Weinen, immer wieder.

Auf dieser Seite der Ewigkeit gehören Tränen zum normalen Leben von normalen Menschen. Wir denken, das Schwere gehört nicht dazu, wir hoffen es, wir wünschen es uns. Doch nirgends ist uns verheißen dass wir ein Leben ohne Leid führen werden. Denken wir an Hiob, an Elija, an die klagenden Psalmbeter, an Jesu Leiden selbst. Wir werden Zeiten des Leidens haben und manchmal wird es wehtun – und das ist normal. Wir sind Menschen. Und es wird Zeiten geben, wo uns der Glaube an die Ewigkeit in weite Ferne rückt. Aber das heißt nicht, dass Gott Dich verlassen hat. Martin Luther hat einmal gesagt: „Gott ist dann am allernächsten, wenn er am weitesten entfernt scheint.“

Das Schlimmste sind nicht Leid und Schmerz. Das Schlimmste ist, wenn ein Mensch im Leid alleine ist. Deswegen ist der tröstlichste Trost, den ich mir denken kann, zu einem anderen zu sagen: Ich bin für Dich da. Ich höre Dir zu, wenn Deine Seele weint. Ich will durch wohlgemeinte Ratschläge nichts wegerklären. In der Kraft, die Gott mir schenkt, begleite ich Dich auf Deinem schweren Weg, wenn Du magst.

So kann langsam wirklicher Trost wachsen. Und ich kann behutsam in die Worte des 23. Psalms wieder einstimmen: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir. Das wäre dann: Mitten im Totensonntag Ewigkeitshoffnung.

Das wünscht allen Trauernden und denen, die Trauernde auf ihrem Weg begleiten

Pfarrer Johannes Misterek

Ev. Kirchengemeinde Dortelweil

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